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Textarchiv

An dieser Stelle findet der geneigte Leser ein oder zwei nicht gedruckte aber vielfach nachgefragte Texte, sowie ein Archiv an alten, aber nichtsdestotrotz lesenswerten Literatur- und Filmrezensionen.

 

Lovestory. Chronologie eines Gebrechens. (Vollversion)

Ganz unerwartet ist sie da. Ich denke, sie will nur kurz reinschauen; doch ich ahne schon: Auch dieses Mal wird sie ĂŒber Nacht bleiben. Wir haben schon viele NĂ€chte miteinander verbracht und so manches Laken zerwĂŒhlt – und immer war es schrecklich, immer tat sie mir weh. Da ist sie also wieder: meine Un-Geliebte, meine »Freundin« MigrĂ€ne.

Ich habe MigrĂ€ne. TatsĂ€chlich MigrĂ€ne! Dabei gibt es gar niemandem, dem ich sie als Vorwand vorhalten mĂŒsste, um nicht etwa beischlafverpflichtet zu sein. Stattdessen wirft  mich MigrĂ€ne ins Bett, kuschelt sich in meinen Kopf und knabbert sanft an einem Sehnerv herum. Ich spĂŒre ihren heißen Atem irgendwo hinter dem SchlĂ€fenlappen, und stöhne auf, als sie ihre ZĂ€hne wolllĂŒstig hinein in meinen Augapfel schlĂ€gt. Schrapp!

Plötzlich tobt MigrĂ€ne durch meine Kissen und schlĂ€gt mir immer wieder auf den Magen. Der fĂŒhlt sich an, als fĂŒhre ein Zirkus darin akrobatische KunststĂŒcke auf. MigrĂ€ne und die 4 Aspirinis vollfĂŒhren Trampolinspringen auf der Magenschleimhaut. Das Publikum, ein brodelnder Hexenkessel aus Dolormin, Tomapyrin, Paracetomol, Spalt, ASS Ratiopharm und Diclac feiert eine wilde Party. GlĂ€ser werden umgestoßen, die Tapeten von den WĂ€nden gerissen, knurrende BĂ€sse auf volle LautstĂ€rke gedreht, so dass die Milz nebenan verzweifelt um »Ruhe!!!« ruft und die Nieren verschreckt unter ihre Tische kriechen. – Wer mit MigrĂ€ne ins Bett geht, mit dem treibt sie es wild.

Dann befiehlt mir MigrĂ€ne in die KĂŒche zu gehen.

Ich stehe auf, merke: Ich bin nackt und kann mich gar nicht erinnern, wann sie mir die Kleider vom Leib gerissen hat. Verzweifelt suche ich nach einem T-Shirt und meinem Boxershorts: »Meine GĂŒte MigrĂ€ne, wo hast Du meine UnterwĂ€sche versteckt?! Die war doch immer hier im Schrank... und jetzt steht hier nur Butter, Milch, KĂ€se, Eier, Aufschnitt... und wo sind meine Klamotten?«

Plötzlich klingelt es an der TĂŒr: »MiiiiiiiiiĂŒĂŒĂŒĂŒĂŒĂŒpppp!«, zerreißt es meine Ohren. Offenbar hat MigrĂ€ne die Klingel frisiert.

»Los! Aufmachen!« brĂŒllt MigrĂ€ne aus dem Schlafzimmer und ich wanke durch den Flur durch den Flur durch den – mein Gott, wie lang ist dieser Plur denn flötzlich! – zur EingangstĂŒr. Dort steht ein Paketbote. Sichtlich verunsichert schaut er mir ins Gesicht, auf das PĂ€ckchen in seiner Hand und insgesamt Ă€ußerst irritiert.

»MigrÀne,« sage ich.

Er nickt verstÀndnisvoll, und ich schaue verlegen auf das Abtropfsieb, mit dem ich gerade meine Scham bedecke.

»Transparentlook ist in.« sage ich in entschuldigender Abwesenheit.

»Sie sollten sich besser ins Bett legen.« Bett Bett Bett legen legen legen ... hallen seine Worte irgendwo im Treppenhaus meines hohlen Kopfes nach.

»Ich weiß nicht, ob das so gut ist«, antworte ich und linse ins Schlafzimmer, wo sich MigrĂ€ne gerade die hohen Schaftstiefel aus Lack ĂŒberzieht, die mit den spitzen AbsĂ€tzen, an denen noch der Magensaft ihres letzten Liebhabers klebt.

Ich stehe noch immer vor der TĂŒr und plötzlich fĂ€llt mir der Paketbote wieder ein. »TschĂŒĂŸÂ« sage ich zu ihm, bevor ich merke, dass er schon verschwunden ist. Das PĂ€ckchen hat er wieder mitgenommen. DafĂŒr habe ich mich allerdings gerade ausgeschlossen.

»MigrĂ€ne! Komm mach auf!« flehe ich an der TĂŒr, »Lass mich wieder rein! Du darfst auch bleiben heute Nacht!«

MigrĂ€ne öffnet mir bereitwillig die WohnungstĂŒr.

Ich wanke wieder durch den Flur durch den Flur durch den – wird der immer lĂ€nger oder was? – Und wo sind eigentlich meine Boxershorts?

In der KloschĂŒssel sind sie auch nicht. DafĂŒr verlassen nun nach und nach Paracetomol und Aspirin, Aspirin-plus-C-direkt und Aspirin-MigrĂ€ne-spezial-turbo, Thomapyrin und Dolormin, Spalt und ASS-Ratiopharm die Party in meinem Magen. KotztrĂ€nenblind laufe ich danach schnurstracks gegen die KlotĂŒr und stoße mir mit voller Wucht den schwĂ€chsten aller  Zehen an der TĂŒrkante.

Ich schriee auf Schmerz und denselben hinaus, drĂŒckte mir nicht in diesem Moment MigrĂ€ne von hinten den Hals zu. Dort bleibt der Schmerz meines blutenden kleinen Zehs stecken und klettert dann einzeln an den Halswirbeln hinauf, nicht ohne jedes Mal rĂŒcksichts- und gedankenlos auf einige lĂ€stige Nerven zu treten und sich dann mit einer winzigen Machete durch die synaptischen Schlingen meines Hirns zu schlagen, um es sich dann auch hinter meinem Augapfel bequem zu machen, wo schon MigrĂ€ne ihr Basislager aufgeschlagen hat.

MigrÀne und der kleine Schmerz mögen sich auf Anhieb.

Jetzt spielen MigrÀne und ihr kleiner Freund, der fiese Schmerz vom Zeh, Darts. Pfeil um Pfeil pfeift durch den Raum. MigrÀne zielt auf meine Pupillen und MigrÀne trifft gut. Bunte Blitze zucken in meinen Augen. Ich versuche mich vor ihnen unter der Bettdecke zu verstecken. Aber dort liegt schon MigrÀne mit weit aufgerissenen Armen...

»Komm ins Bett, schlaf mit mir!« 

Mir kommt eine Idee.

 Â»Oh MigrĂ€ne«, hauche ich verfĂŒhrerisch, »ich weiß, ich werdÂŽs nicht bereuen ...«

»Arrrrgghhh«, giggelt sie geil gurrend.

»Ich weiß ja, wie rasend Du mich machen kannst....«

»Hmmmmm« schnurrt sie schön schnurbelnd.

»Du bist einfach nur irre!«

»Jaahhhh«, stöhnt sie stramm strahlend.

»Wie Du mich das letzte Mal ans Bett gefesselt hast...«

»Ohhhh jaaaaa!«

»Aber ich kann heute nicht.«

»Uh?!?«

»Sorry, MigrÀne,... aber ich hab Kopfschmerzen.«

MigrÀne ist still. Irgendwann schlafen wir ein.

Am nĂ€chsten Morgen ist MigrĂ€ne dann nicht mehr da. Sie steht immer recht frĂŒh auf und geht – keine Ahnung, wohin. Vielleicht hat sie drĂŒben in den BĂŒros noch ÂŽnen Aushilfsjob als Spannungskopfschmerz, ich weiß es nicht. Ich weiß nur eins: Irgendwann wird sie zurĂŒckkommen. Aber dann, irgendwann einmal, wird sie vor der TĂŒr stehen, und ich ... – Ich lieg schon im Bett mit Angina.


© Volker Surmann 2002


 


Matrix ff.


Als im Jahr 2003 MATRIX II die Welt heimsuchte, schrieb Volker die Inhaltsangaben der Filme Matrix 3 bis 11. Inzwischen etwas ĂŒberholt, aber vielleicht immer noch amĂŒsant. Hier gehtÂŽs zum Text.


 


Rezensionen

Volker hat (wie vermutlich jeder deutsche Komiker) in seinem ersten BĂŒhnenprogramm Marcel Reich-Ranicki parodiert. Ob seine Liebe zu Rezensionen daher rĂŒhrt?

 

Filmkritik: Allein in New York

> Party Monster von Fenton Bailey & Randy Barbato (USA 2002)

Es ist lange her, dass wir zuletzt von Macaulay Culkin hörten. Die Kevin-Filme, es folgten einige Skandalgeschichten (Heirat mit 17, Scheidung mit 19), GerĂŒchte um Drogenexzesse. Zur Berlinale 2003 meldete sich der 22-JĂ€hrige nach achtjĂ€hriger Leinwandabstinenz eindrucksvoll zurĂŒck, in einer Rolle, die vordergrĂŒndig kaum weiter vom alten Kevin-Image entfernt sein könnte: als schwules Party-Monster im gleichnamigen Film von Fenton Bailey und Randy Berbato.

Es hat fast Tradition und gehört wahrscheinlich zur schauspielerischen Adoleszenz, dass sich Amerikas Kinder- und Teenagerstars in Independent-Filmen von ihren Images radikal abzusetzen versuchen: Keanu Reeves und River Phoenix begaben sich in Gus van Sants „My Own Private Idaho“ ins Stricher-Millieu, Leonadro diCaprio spielte den selbstzerstörerischen Dichter Rimbaud in Agnieska Hollands „Total Eclipse“; nun also der dreifache Kevin Macaulay Culkin. Offensichtlich bieten sich homosexuelle Rollen fĂŒr AusbrĂŒche aus zugeposterten MĂ€dchenzimmern an.

ErzĂ€hlt wird die wahre Geschichte von Michael Alig, der in den 80er Jahren in der New Yorker Disco „Limelight“ zum angesagten Partyveranstalter wurde, dann aber in einem Sumpf aus maßloser NaivitĂ€t und SelbstĂŒberschĂ€tzung, Dekadenz und Drogenexzessen versank und im Rausch seinen Dealer bestialisch massakrierte.

Aufbereitet ist das schwungvoll und poppig mit einem herrlichen Soundtrack, jedoch gleichermaßen klug und ehrlich. Zwar wird in kaum einem Film so viel gekokst wie hier – Techno und Extasy sind neu, die Spaßgrenzen ufern aus – doch immer mehr driften Michaels Partys in pure Fleischbeschau hinein, zu Drogen-Exzessen gesellen sich modische (Culkin zeigt viel nackte Haut), man kreist nur noch um sich selbst, und das ist offensichtlich nur high zu ertragen. „Success! Fame! Money! Glamour!“ brĂŒllen die Party-People zu treibenden Base-Lines und je mehr von Michaels GefĂ€hrten den Drogentod sterben, ahnen wir plötzlich: Hier ist wieder jemand allein in New York.

Bei der Berlinale stieß der Film auf ein geteiltes Echo. Symptomatisch dafĂŒr die Presse-Reaktionen: Der Tagesspiegel nannte Party Monster einen der „schlechtesten Filme aller Zeiten“ mit einem „mental, sexuell und darstellerisch desorientierten“ Hauptdarsteller, die Berliner Zeitung sprach von einem „klugen und ernsten und zugleich schön anzusehenden Film“ mit einem „mit der grĂ¶ĂŸten Klarheit und der schönsten Unschuld“ agierenden Culkin. Party Monster kann und wird also spalten.

Auf der halbleeren Berlinale-Pressekonferenz betonte Macaulay Culkin, es sei ihm mit diesem Film darum gegangen, den Spaß am Schauspielen wieder zu finden. Es scheint gelungen, doch verschiedentlich wurde ihm vorgeworfen, man nehme ihm die Rolle des naiven, glamourgeilen Partymonsters und Ravers nicht ab. Dieser Vorwurf benötigt neben bösem Willen auch eine Verkennung der Rolle: Michael Alig begegnet uns im Film als sich selbst erschaffende Kunstfigur, als Raver, dessen NaivitĂ€t seinen glamourösen Aufstieg erst möglich macht. Das ist zwangslĂ€ufig eine Rolle, in der ein Kevin mit seiner Adoleszenz ringen muss. Man könnte daher fragen, inwieweit das Schicksal Michael Aligs nicht gar eine potenzielle Fortsetzung der Kevin-Story abseits vom amerikanischen Mittelschichtmodell sein könnte. In Alig mischen sich geschĂ€ftstĂŒchtiger RealitĂ€tssinn und extasyvernebelte Wirklichkeitsverleugnung, bilden eine Melange aus NaivitĂ€t, BrutalitĂ€t und maßloser SelbstĂŒberschĂ€tzung. PostpubertĂ€rer HormonĂŒberschuss paart sich mit einer fast diabolischen Unschuld und Kindlichkeit. „Congratulations to your first oberdose“, grient Michael seinen Freund James St. James (sehr gut: Seth Green) am Krankenbett zu. Auf dessen Roman „Disco Bloodbath“ geht Baileys und Barbatos Film zurĂŒck. Wunderbar inszeniert, wie die beiden kindlichen Egomanen am Anfang aushandeln, wer der eigentliche Star des Streifens ist! 

Macauley Culkin gibt das jungenhaft Partymonster gekonnt ĂŒberdreht, manchmal gezielt gekĂŒnstelt am Rande des Klischees, was nicht zum Vorwurf gewendet werden sollte, bildet er doch nur den Hang vieler jungen Party-Kids zur bedingungslosen Imitation ab. Culkins Augen bleiben stets kindlich, und es gehört zu entwaffnendsten Szenen des gesamten Films, wenn Michael mit seiner zeitweisen BettgefĂ€hrtin Gitsie (ChloĂ« Sevigny) in der Badewanne sitzt und das gegenseitige Anspucken mit Badewasser offensichtlich allen Extasy- und Kokainrausch an Spaß zu ĂŒberbieten vermag. 

Als schwungvoll und ausgewogen erzĂ€hlte Popstory könnte es Party Monster mit Studio54 allemal aufnehmen: Der Soundtrack entwickelt einen angenehmen Sog, die KamerafĂŒhrung wartet mit schönen Perspektiven auf, das Ensemble ist durchweg gut aufgelegt (in einer Gastrolle glĂ€nzt als Trash-Transe Marilyn Manson), und trotzdem muss man abwarten, ob sich der Film jenseits des Szene-Kinos durchsetzen kann. Denn die vielen Zynismen, die in den Party-Subkulturen von Techno und schwuler Szene herrschen und uns unterschwellig im gesamten Film begleiten, werden dem breiten Massenpublikum verborgen bleiben. Hier hĂ€ngt der Erfolg des Films maßgeblich davon ab, inwieweit man bereit ist, sich auf den halbdokumentarischen Charakter einzulassen und ĂŒberdies vom Kevin-Image MacCauley Culkins zu abstrahieren.

(bislang unveröffentlicht; Interessenten bitte melden :-) ...)

© Volker Surmann 2003

 

Buchkritik: Affengulasch

> Ein Dschungelbuch von Remond OÂŽHanlon

„Kongofieber“ heißt der neue Roman von Redmond OÂŽHanlon. Begeben wir uns also auf eine Expedition ins Innere dieses Romans und folgen dem unternehmungslustigen Briten durch seinen nunmehr dritten Reisebericht. Diesmal nimmt er uns mit auf eine Abenteuerreise, gute 650 Seiten lang, ins Innere des Regenwaldes zum Lac TĂ©le, einem geheimnisumwobenen See, an dem die Evolution, so erzĂ€hlt man in den Dörfern der Bantu, ein Reptil vergessen hat - den Kongo-Dinosaurier  MokĂ©lĂ©-mbembĂ©. Zuvor mĂŒssen sich „Redso“ und seine Begleiter, der amerikanische Psychologie-Professor Lary, der Frauenheld und Regierungsbeamte Marcellin und die Bantus NzĂ© und Manou, noch das Vertrauen des kommunistischen Regimes der Volksrepublik Kongo erwerben (natĂŒrlich im Wortsinne). Doch dann geht es los: per Schiff, per Einbaum, per pedes - hinein in eine wirre Welt aus Stammesfehden, Fetischritualen und archaischer Magie. Dörfer mit wohlgesonnenen und feindlichen HĂ€uptlingen lassen wir hinter uns, hören verschiedenste Sprachen, horchen den Stimmen der Geister und folgen den PygmĂ€en durch den Dschungel. StĂ€ndige Begleiter auf dieser Reise sind Elend, Krankheit und Tod. Diese Schreckensbilder werden aber seltsam nĂŒchtern beschrieben, als Teil der NormalitĂ€t. „Wo wir hingehen, wirst du den ganzen Tag Frauen heulen hören. Wenn du jedesmal so ein Theater machst, bloß weil jemand stirbt, wirst du nicht lange durchhalten, mein Freund.“ hören wir Marcellin zu Lary sagen. - Die Eindringlichkeit der nĂŒchternen Feststellung ist eine StĂ€rke in OÂŽHanlons ErzĂ€hlweise. GrĂ¶ĂŸte SchwĂ€che hingegen ist seine Liebe zum Detail. Damit uns die Faszination des Kongos erreicht, muß sie sich nĂ€mlich erst durch ein wahres Dickicht aus zoologischen, botanischen, natur- und entdeckungsgeschichtlichen Expertisen schlagen, mit denen OÂŽHanlon uns und seine Begleiter langweilt. Fast gerĂ€t der Abenteuerroman so zur Bildungsreise. Die Vielzahl von detailiiert beschrieben Einzelanekdoten lĂ€ĂŸt den ErzĂ€hlfluß Ă€hnlich zĂ€h und trĂŒb werden wie die sumpfigen FlĂŒsse des Kongobeckens. Ein paar „GelbrĂŒckenducker (cephalophus sylvicultor)“ und „Waldfliegen­schnĂ€p­per“ hĂ€tte uns OÂŽHanlon ersparen sollen, und auch die genauen Maße einer Schildkröte - „etwa (sic!) sechsundreißig Zentimeter lang, vierundzwanzig Zentimeter breit“ - mĂŒĂŸten wir nicht kennen, da sie ohnehin sofort aufgegessen wird. 

Stark wird der Roman immer dann, wenn der Autor OÂŽHanlon Lexika und Maßband aus der Hand legt und der Abenteurer OÂŽHanlon zu Wort kommt und mit bisweilen sehr schöner (Selbst-)Ironie seine Erlebnisse auf der Expedition schildert. In der kleinen, multiethnischen Truppe prallen nĂ€mlich eine Reihe verschiedener Kulturen aufeinander: die westllch-europĂ€ische, die marxistische Staatsideologie und die traditionelle afrikanische Lebensart. Damit treffen auch ganz unterschiedliche Logik-Systeme aufeinander. Dabei hĂ€lt sich OÂŽHanlon mit Urteilen und Kommentaren wohltuend zurĂŒck, sondern beschrĂ€nkt sich auf seine Rolle als Beobachter, der uns die Erkenntnis vermittelt, daß diese so gegenlĂ€ufigen Logiken durchaus funktionieren. So fĂŒhrt uns unsere Kongoreise an den Rand der Erkenntnis, daß Afrika und Europa gar nicht so weit auseinanderliegen, wie uns die Geographie suggerieren will, denn offensichtlich haben auch wir unsere FertischhĂ€user. Am Ende kommt es uns dann wie selbstverstĂ€ndlich vor, daß „Affen­gulasch mit Maniok“ eine schmackhafte Mahlzeit ist.

Redmond OÂŽHanlon, Kongofieber. Eichborn, 656 S., 49.80 DM

(erschienen im Bielefelder StadtBlatt)

 

Buchkritik: Kein großer Wurf

> Urs Widmer: Der Geliebte meiner Mutter 

Nein, ein großer Wurf ist „Der Geliebte der Mutter“ nicht. Dabei enthĂ€lt der neue Roman von Urs Widmer alle typischen Beigaben: eine strike ErzĂ€hlweise, abstruse Randgeschichten (z.B. eine zur KneipenschlĂ€gerei ausartende Beerdigung), Figuren, die mit einem Fuß neben der RealitĂ€t stehen und eine immer wieder aufblinkende Sprachmagie.

Doch von Anfang an: Ein namenloser Ich-ErzĂ€hler berichtet uns vom Leben seiner Mutter. Diese, durch den Börsencrash 1929 ihres Wohlstandes und Vaters beraubt, arbeitet als dienstbarer Geist im Jungen Orchester der Stadt. Dieses wird geleitet vom charismatischen Edwin. In ihn verliebt sich die Mutter, es kommt zu einer kurzen Affaire. Der Kontakt bricht ab und die VerhĂ€ltnisse kehren sich um: Der Dirigent wird berĂŒhmt und wohlhabender Industrieller. Die Mutter flĂŒchtet sich in ein bĂŒrgerliches Leben, verzehrt sich aber nach wie vor in der Liebe zu Edwin. Ihr Leben lang getrieben von einer Todessehnsucht, Grund fĂŒr mehrere Aufenthalte in der Psychiatrie, erliegt sie diesem schließlich. 

Stakkatohaft, anekdotisch, sprunghaft gerafft schildert der ErzĂ€hler das Leben seiner Mutter – fast wie in einem mĂŒndlichen Bericht. Dabei ĂŒberrascht die vordergrĂŒndige Anteilslosigkeit des ErzĂ€hlers, er konzentriert sich auf die Fakten. Nur selten wird er emotional, dann packt Widmer seine Sprachmagie aus und schildert die einstĂŒrzende Welt eines Kindes, dessen Mutter von Ärzten abgeholt wurde: „Sperlinge stĂŒrzten tot vom Himmel. Die Sonne war schwarz, der Mond war blind. Kein Mensch ging auf Erden. Die WĂ€sser der BĂ€che gefroren. Tote Forellen starrten aus dem Eis.“

Ansonsten ĂŒberwiegt der emotionslose Bericht, in ihm wird die ganze Tragödie des ErzĂ€hlers und seiner Mutter deutlich. Sie finden keine Sprache der Liebe. Im Roman gibt es sie nicht; das ist ein erzĂ€hlerisches Risiko, denn die Figuren können dadurch wie leblose Skizzen wirken. 

„Der Geliebte der Mutter“ ist auch eine Auseinandersetzung mit Vaterfiguren. Bis in die vierte Generation zurĂŒck verfolgt der ErzĂ€hler die patriarchale Linie seiner Familie, bis hin zu dem Afrikaner, der in einem Alpendorf, auf dem Sterbebett den Urgroßvater gezeugt hat. Diese mythologische Anekdote schließt zwar an Widmers letztem Roman „Im Kongo“ an, wirkt hier jedoch unmotiviert. 

Eine Vaterfigur ist auch Edwin. Zwar bleibt letztlich offen, ob der ErzĂ€hler nicht doch dessen Sohn sein könnte, wichtiger ist aber die Auseinandersetzung mit ihm, der weit grĂ¶ĂŸeren Einfluss auf sein Leben hatte als der leibliche Vater. Edwin hat die Mutter dazu ĂŒberredet, das Kind aus ihrer kurzen Affaire abzutreiben. An ihm ist die Mutter zerbrochen, auch ihre FĂ€higkeit zu lieben. Nie hat der ErzĂ€hler die Liebe erfahren, die sie ihrem ersten Kind hĂ€tte zukommen lassen wollen.

So arbeitet sich der ErzĂ€hler an Edwin ab, dem gedankenlosen Dirigenten, der Menschen nur benutzt, der kommunistische SprĂŒche klopft, dessen Reichtum aber auf RĂŒcksichtlosigkeit und der Produktion von KriegsgĂŒtern fĂŒr alle Seiten grĂŒndet. Edwin ist also auch eine schweizer Figur, wie wir sie von DĂŒrrenmatt und Frisch kennen. Dass er, wie zu lesen ist, dem realen Vorbild Paul Sachers nachempfunden sei, ist historisch interessant, ein SchlĂŒsselroman ist dieses Buch indes nicht.

Der leibliche Vater des ErzĂ€hlers taucht im Roman nur zweimal auf, als „Mann der Mutter“. Es gibt ihn, und er stirbt. Mehr erfahren wir nicht. Das ist nicht ĂŒberzeugend: Auch wenn er im Leben des ErzĂ€hlers und seiner Mutter kaum eine Rolle spielt, dass Widmer ihm ĂŒberhaupt keine Kontur zugesteht, bleibt rĂ€tselhaft.

Widmers grĂ¶ĂŸtes Problem ist die Zeit. 82 Lebensjahre der Mutter gilt es zu erzĂ€hlen. Dazu muss schraffurhaft gearbeitet werden. So peitscht er die Geschichte voran (und begeht sogar unverzeihliche FlĂŒchtigkeitsfehler: einmal heißt es, die Mutter werde 55 Jahre nach ihrem 1929 verstorbenen Vater beigesetzt, spĂ€ter wird ihr Todesjahr mit 1987 angegeben). Im Ergebnis bleibt die Geschichte ĂŒber weite Strecken seltsam blutleer.

Urs Widmer. „Der Geliebte der Mutter“. Diogenes. 130 Seiten, 32,90 DM.

(erschienen im Bielefelder StadtBlatt)

 

Buchkritik: Perfekte Storyline

> Ein Buch wie ein Film: Steve Tesich®s Roman „Abspann“

Saul Karoo ist Skriptflicker. Sein Job ist es, missglĂŒckte DrehbĂŒcher oder schon fertige Filme in massentaugliche Kinokost zu verwandeln. „Doc Karoo“  nennt man ihn ehrfĂŒrchtig, denn er ist der unbestritten Beste in seinem Metier.

Karoo ist ein Antiheld par excellence: ein alternder Alkoholiker, fett, Kettenraucher, er hat stets beste Absichten, geht aber nur zu gerne den bequemen Weg der Korrumpierbarkeit. Karoo hat nur noch einen einzigen Freund, mit seiner Frau trifft er sich regelmĂ€ĂŸig zu streitgeladenen Scheidungsdinners, die Liebe zu seinem Adoptivsohn Billy ist nur eine eingebildete; faktisch geht er jeglichem nĂ€heren Kontakt aus dem Weg. Karoo ist nicht mehr krankenversichert. Das kĂŒmmert ihn wenig, viel stĂ€rker sorgt ihn eine bizarre Krankheit: gleich, wieviel Alkohol er konsumiert, Trunkenheit will sich nicht mehr einstellen. Hinzu kommt ein anderes Problem: „es gibt zunehmend Beweise dafĂŒr, daß mein Privatleben sich jetzt fast ausschließlich aus diesen fetten, ĂŒberflĂŒssigen Szenen zusammensetzt, die ich so geschickt aus den Filmen und DrehbĂŒchern anderer Leute herausoperiert habe.“

Doch der Zufall schreibt noch die besten DrehbĂŒcher, und so verwandelt sich Karoos Leben unverhofft in seinen eigenen Film, als er die Mutter seines Adoptivsohns kennen lernt -  die mĂ€ĂŸig begabte Gelegenheitsschauspielerin Leila Millar. Sie spielt in einem Film mit, den Doc Karoo umschneiden soll, ein Projekt, welches ihn erstmals mit Skrupeln behaftet. Denn so viele Filme Karoo auch zerschnitten hat, er liebt das Kino und dieser Film, einem greisen Hollywood-Altmeister entrissen, „war ein Meisterwerk, weil er perfekt war.“.

Karoo verliebt sich in Leila Millar und will nun die missglĂŒckte Storyline seines eigenen Lebens flicken. Er bringt Mutter und Sohn zusammen und opfert dafĂŒr das cineatische Meisterwerk: „Auch Zunichtemachen ist Machen“, sagt Karoo.

Es sind diese eingestreuten Zynismen, die „Abspann“ zu einem spannenden LesevergnĂŒgen machen. „Ich hatte etwas genommen und es in nichts verwandelt“, spricht Karoo. Ist dies das Hollywood-Prinzip?  

Steve Tesich, 1996 verstorben, schreibt mit großer Anteilnahme und Sympathie fĂŒr seinen Antihelden und mit intimer Kenntnis des FilmbusinessÂŽ. Als Autor zahlreicher DrehbĂŒcher (u.a. der Irving-Adaption The Worl According to Garp) und fĂŒr Breaking Away mit einem Oscar ausgezeichnet, blickt er genĂŒsslich hinter die Mechanik der amerikanischen Traumfabriken. Es verwundert nicht, dass mit einem Mal die Kapitel und AbsĂ€tze verschwimmen und der Roman die Gestalt eines Filmes annimmt. Die Gliederung folgt einzelnen SchauplĂ€tzen, und Szene fĂŒr Szene, Einstellung fĂŒr Einstellung blendet Tesich die Filmschnitt-Dramturgie auf eine klare ErzĂ€hlprosa um. Lediglich im letzten Abschnitt des Romans finden sich kleine stilistische SchwĂ€chen, wenn Tesich in eine Außenperspektive schwenkt und der selbsterklĂ€renden Kraft der Ich-ErzĂ€hlung eine ErzĂ€hlerstimme ĂŒberstĂŒlpt und stellenweise zu auktorial oder essayistisch spricht.

GrĂ¶ĂŸter Coup des Romanciers Tesich ist, dass er trotz der Übernahme filmischer ErzĂ€hltechniken, nicht ein einziges Mal den Verdacht aufkommen lĂ€sst, seine Prosa sei lediglich Vorlage fĂŒr einen noch zu drehenden Film. Im Gegenteil: dieser Roman muss nicht mehr verfilmt werden; „Abspann“  ist bereits ein Film; so prĂ€zise sind seine Bilder, so kraftvoll ist seine Sprache, so ausgefeilt seine Dramaturgie.

Die filmische ErzĂ€hltechnik findet ihre Entsprechung in den Reflexionen Saul Karoos: Dieser sieht sich zunehmend als Regisseur und Akteur in einem Hollywood-Movie und entwickelt seine eigene Storyline. Doch anstelle des angestrebten Happy Ends verwickelt sich Karoo in den Widrigkeiten des real life. Aber Karoo will nicht zulassen, daß Billy und Leila „das Happy-End gefĂ€hrdeten, daß ich fĂŒr sie bereithielt.“  Fatal, denn je besessener er an diesem festhĂ€lt, um so stĂ€rker steuert die Geschichte auf eine Katastrophe zu. Am Ende wird aus dem Antiheld Karoo ein tragischer Held, dessen private Story wieder Futter fĂŒr die Traumfabrik wird. Jedes tragische Ende ist auch ein Anfang. Mit einem Mal kehren sich die VerhĂ€ltnisse um und Hollywood flickt die Geschichte des Saul Karoo – es entsteht ein rĂŒhrseliges StĂŒck Traumfabrik – „gut geschrieben und so gut konstruiert, daß sie Saul wesentlich sinnvoller vorkam als die Story, die er durchlebt hatte.“

„Abspann“ ist eine nahezu perfekte Satire, ein Werk voll der amĂŒsanten Destruktion des amerikanischen TraumbusinessÂŽ, kurz gesagt: ein Meisterwerk.

Steve Tesich. „Abspann.“ S.-Fischer-Verlag. 523 S. 48 DM  

(geschrieben fĂŒrs Bielefelder StadtBlatt), © Volker Surmann 1999

 

Buchkritik: Die Waffe Schweigen

> Dieter Hildebrandts gutes „GedĂ€chtnis auf RĂ€dern“

Beruhigend: Hildebrandts Pointen sind scharf wie eh und jeh. Das ist gut so fĂŒr einen, der die Pointe seine „einzige Waffe“ nennt. Manche seiner ‘großen’ Kollegen haben schon lĂ€ngst die Pointe ins Korn geworfen und plaudern nur noch mĂŒde daher. Nicht, daß Hildebrandt das nicht tĂ€te. Soll er ruhig! Wer 70 ist, hat viel zu erzĂ€hlen. Da möchte man ihm auch das ein oder andere versabbelte Kapitel verzeihen, denn er trĂ€gt bei allem Geplauder noch immer den satirisch gewetzten Dolch im Gewande und sticht gerne unvermittelt zu. Außerdem sind diese Geschichtchen aus Leben und Geschichte nicht uninteressant.

Dieter Hildebrandt hat am selben Tag Geburtstag wie die Bundesrepublik, am 23. Mai. Allerdings ist er 22 Jahre Ă€lter als seine „junge Freundin“ (SZ). Als Jugendlicher hat er den zweiten Weltkrieg mit durchlebt. Im Gegensatz zu einer Nation, die weit verbreitet an „Adolfs­heimer“ leidet, hat Hildebrandt jedoch schlichtweg „ein paar Dinge vergessen zu verdrĂ€ngen“. Leider mimt er im Buch selbst den Vergeßlichen Alten mit schlechtem NamensgedĂ€chtnis; das schließt zwar nahtlos an die 1992er „Denkzettel“ an, doch hier scheint es, als sei Hildebrandt krampfhaft bemĂŒht, sein Markenzeichen, den ihm eigenen „Stotterton“, in die Schriftsprache zu ĂŒbertragen. Über weite Strecken jedoch vergißt er dies glĂŒcklicherweise und kommt ins ErzĂ€hlen. Dann berichtet er sehr private Episoden aus seinem Leben, rollt die Stationen seiner BĂŒhnenkarriere auf und nimmt immer wieder Bezug auf die politische Geschichte Deutschlands. Dabei gleicht Hildebrandt einer reizvollen Mischung aus Opa im Ohrensessel und scharfzĂŒngigem BĂŒhnenkĂŒnstler.  Auf diese Weise stehen anrĂŒhrende Episoden von der Vorbereitung des ersten Kusses („Es war schwierig, denn ich hatte immer dieses blöde Fahrrad in der linken Hand.“) neben dunklen Erinnerungen an die Zeit als junger „Landser“ in der Wehr­macht: „Die Wehrmacht hat geschossen. In den letzten Monaten des Krieges besonders intensiv auf die eigenen Leute.“ Mit nĂŒchterner Bitterkeit berichtet er von standrechtlichen „Erschießungen von 16- und 17jĂ€hrigen ‘Soldaten’, die in die falsche Richtung liefen. “ und kommentiert: „Soldaten sind potentielle Deserteure.“ Dies sind die stĂ€rksten Seiten dieses Buches. Hildebrandt glaubt offensichtlich an eine aufklĂ€rende Kraft des Pessimismus und nimmt von dem Standpunkt seiner persönlichen Lebensgeschichte die Geschichte der Bundesrepublik bis hin zu den aktuellen Debatten um die Wehrmachtsausstellung und die Goldhagenkontroverse in den Blick: „Was uns so wĂŒÂ­tend macht, ist, daß uns das kein deutscher Historiker aufgerechnet hat“. Wie soll man solche Feststellungen nennen? „Altersscharfsinn“?

Hildebrandts Zunge ist scharf wie eh und jeh. Um so erstaunlicher ist, daß „der bis heute stĂ€rkste Haßausbruch“, den er erzeugt hat, ganz ohne Worte auskam: Einem Polizisten, der 25 Sintis vergast hat, wurden mildernde UmstĂ€nde zugesprochen, weil deren Todeskampf vergelichsweise ‘human’ gewesen sei und nur eine Minute gedauert habe. Hildebrandt hat im Fernsehen eine Minute lang geschwiegen.

Dieter Hildebrandt: GedÀchtsnis auf RÀdern. Blessing, 254 S., 36.80 DM

(veröffentlicht im Bielefelder StadtBlatt)

 

Buchkritik: Trauriger Fall

> Holger Möllenbergs „Christopher Street Day“

„Harry, wie heißt der TĂ€ter?“ - „Möllenberg, Holger, Fernsehjournalist, schwul.“ - „Das ist kein Alibi.“ 

Doch es erklÀrt, warum WDR und schwule Presse diesen Krimi loben. Man braucht jedoch kein ausgewiesener Kriminalist zu sein, um zu sehen: Möllenberg ist kein ProfitÀter, sondern allenfalls Trittbrettfahrer. Kurz vor dem Kölner CSD veröffentlicht er einen schwulen Krimi, der auf dem (dies­jÀh­rigen!) Kölner CSD spielt. Das ist marketingstrategisch geschickt. Wenn nur der Roman genauso geschickt angelegt wÀre!

Das Buch ist nicht langweilig - aber das ist auch das mindeste, was ein Krimi leisten sollte. Der Plot ist jedoch hochgradig konstruiert: natĂŒrlich ist jede (Krimi-)handlung ein Konstrukt, Holger Möllenberg hat es aber versĂ€umt, seine Spuren ordentlich zu verwischen. So hĂ€ngt z.B. die ganze Handlung an dem Personalausweis, den der TĂ€ter am Tatort verliert. Zufall? Nein, Notwendigkeit, denn Möllenberg braucht diesen Ausweis als „missing link“ zwischen zwei HandlungsstrĂ€ngen. Die da wĂ€ren: Frank Dahlheimer als Star einer Daily Soap hat sich gerade von seinem Freund Mark KĂ€mpner getrennt, einem skrupellosen Politkarrieristen, und will sich beim Kölner CSD als schwul outen. Doch mysteriöse Morddrohungen wollen ihn davon abhalten. Parallel lĂ€uft die zweite ErzĂ€hllinie: in der Kölner Altstadt werden zwei osteuropĂ€ische Strichjungen ermordet. Hauptkommissar Nelles (schön, nett, jung, aber hetero) stĂŒrzt sich zusammen mit dem schwulen Floristen von Nebenan in die Ermittlungen und die schwule Szene. Naja.

Richtige Spannung oder gar ThrilleratmosphĂ€re will aber nicht so recht aufkommen. Die mĂŒhsam zusammengabastelte Story ist ein Grund, ein anderer die wiedersprĂŒchliche ErzĂ€hlperspektive. Mal watet der ErzĂ€hler mit im Sumpf des Verbrechens, mal taucht er allwissend aus demselben heraus und hebt den erklĂ€renden Zeigefinger. Dann fĂŒhrt Möl­len­berg wie ein Reiseleiter durch die (Kölner) Schwulenszene, ergeht sich in pĂ€dagogisierenden TĂ€terprofilen, liefert z.B. zum Komplizen gleich ein halbseitiges soziologisches ExposĂ©e, selbst Witze werden er­klĂ€rt - kurz: er erklĂ€rt seine Figuren, anstatt ihnen Leben einzuhauchen. Doch dazu fehlt Möllenberg offensichtlich das erzĂ€hlerische Können: immer wieder bedient er sich abgegriffener sprachlicher Klischees: der Komissar ist „wie ein SpĂŒrhund“, „Körper beben“ beim Sex, „Blut gefriert in den Adern“ usw.

Am Ende bleibt dann der traurige Eindruck, daß das Umschlagbild des Buches (ein Mann blickt durch eine Regenbogenfahne) fast Symbol fĂŒr Holger Möllenbergs schwule Weltsicht ist: denn irgendwie sind alle Schwulen in diesem Krimi gut (mit Ausnahme von Mark KĂ€mpner, aber der ist ja nur verdeckt schwul und  Politiker) und fast alle Heteros entweder dumm, böse oder eben doch nicht hetero - natĂŒrlich ist auch Kommissar Nelles verkappt schwul. Mag sein, daß dieses Schwarzweißschema nur eine Umkehrung des Regelfalles ist, intelligenter wird es dadurch nicht. Beim Showdown schlĂ€gt schließlich die schwule Gerechtigkeit geballt zu: der böse (Hetero)-TĂ€ter wird von einem CSD-Wagen ĂŒberfahren. LetÂŽs party!

„Harry, was war sein Motiv?“

Holger Möllenberg: Christopher Street Day. KBV-Krimi, 224 S., 16,90 DM.

(veröffentlicht im Bielefelder StadtBlatt)